Das neue Recht
Das neue „Recht – ein Hartz-IV-Zyklus
Der Bilderzyklus‘ „Das Neue Recht“, setzt sich mit dem Ende des Sozialstaates in Deutschland auseinander.
Wir folgen einer Protagonistin bei ihrem Seiltanz zwischen der Scylla „Pauperisierung“ und der Charybdis „Soziale Ausgrenzung“.
Im ersten Bild „Gescheiterte Hoffnungen“ sehen wir den Eingang zur Arbeitsagentur – deutlich gemacht durch das Signet in der Tür. Das Bild ist überwiegend in dunklen Grau- und Schwarztönen gehalten – analog zur bedrückenden Situation der Kunden der Agentur. Der Stapel Kreuze der ungeordnet auf dem Pflaster vor dem Eingang liegt, symbolisiert die hier zu Grabe getragenen Erwerbsbiografien.
.Aber eines der Kreuze steht noch aufrecht. Auf ihm sitzt die Protagonistin – lässig und ziemlich freizügig in aufreizendes Rot gekleidet. Scheinbar sprungbereit... auf der Ausschau nach einem Ausweg.
Von dem Kreuz auf dem sie sitzt spannt sich ein Seil – aus dem Bild heraus... die Skizze eines Löwenzahns am rechten unteren Bildrand symbolisiert Zähigkeit und Aufbruchswillen – denn von allen mitteleuropäischen Pflanzen ist der Löwenzahn einer der ausdauerndsten und von einem gerade unbeugsamen proletarischen elan vital geprägt...

Das mittlere Bild des Zyklus „In der Gefahr wächst das Rettende auch“ (in der Ausstellung zu sehen) zeigt den Versuch der Protagonistin, der drohenden Pauperisierung zu entgehen. Sie balanciert lässig parodierend das Hölderlin-Zitat parodierend –während sie als Seiltänzerin graziös über den Abgrund grätscht. Sie hat das Seil bestiegen, die Herausforderung angenommen. Unter ihr sammeln sich die Erwerbslosen am Tor zur Arbeitsagentur – aber dieser Weg ist für viele von ihnen kein Ausweg sondern das endgültige Scheitern. Der Durchgang zur Abteilung für ALG II entpuppt sich als gigantische Müllpresse und der Weg der Arbeitssuchenden mündet auf einer Müllhalde, auf der das „nutzlose“ „Humankapital“ entsorgt wird .
„In der Gefahr wächst das Rettende auch“ – das KANN sein: die Phantasie, die Kreativität, der Trotz, das Aufbegehren – und vielleicht auch der Mut, sich außerhalb geltender gesellschaftlicher Normen zu bewegen...

Im dritten Bild „Die Alternative?“ ist die Protagonistin am vorläufigen Ende des Drahtseils angekommen und hat wieder Platz genommen. Wieder auf einem Kreuz. Diesmal steht das Kreuz nicht für das Ende einer Erwerbsbiografie, sondern für die andere Klippe: die drohende soziale Ausgrenzung.
Denn die überdimensionalen roten High Heels und die anderen Utensilien weisen auf die Tätigkeit hin, die die Protagonistin ins Auge gefaßt hat, um der materiellen Not zu entgehen: die Sexarbeit. . Aber das Seil führt noch weiter – und zwar nach unten...
Und der Titel des Bildes trägt nicht zu Unrecht ein Fragezeichen.
KANN Sexarbeit wirklich ein Ausweg sein – oder verschlimmert er nur die Situation der Akteurin?
Das Bild gibt keine Antwort auf diese Frage – immerhin wirkt die große Sonnenblume am Bildrand verheißungsvoll. Sie steht für Sinnlichkeit, Optimismus und den Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen, sondern weiterhin Ausschau zu halten nach der Sonnenseite des Lebens – heraus aus dem Grau, hinein in die Farbigkeit ...
Im übrigen wird dem aufmerksamen Betrachter nicht entgangen sein, daß die Protagonistin auf allen drei Bildern einen schwarzen Winkel trägt. In den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten war er das Kennzeichen für Asoziale, Arbeitsscheue und Prostituierte.
Auf diesen Bildern steht er für die soziale Ausgrenzung der Langzeiterwerbslosen, Niedriglöhner und all derer, die sich von der bürgerlichen Moral verabschiedet haben, weil sie ihnen keinen Halt mehr gibt.
Almuth Wessel, Dezember 2010
